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Ohne Titel, aber mit vielen Worten

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Der Versuch einer Repatriotierung

Der Versuch einer Repatriotierung

vor 1 Monaten

Er steht mal wieder vor der Tür, der 1. August. Man mag mir das ja nicht so recht glauben, aber ich bin ein furchtbar schlechter Patriot. Doch, doch. Der Anblick der Landesflagge lässt in meiner Hose nichts anschwellen und die Nationalhymne... Würden meine Kinder, die ich nicht habe, so was auf ihren Quätschtröten spielen, ich würde die glatt zum Psychiater schicken. Man weiss da ja nicht, ob man weinen, oder lachen soll. Aber eine geschwellte Brust will sich bei der Melodie einfach nicht einstellen.

Als Bub war es da einfacher. Es war der Knallertag. Freilich verstand ich damals unter knallen wirklich das fabrizieren von Lärm mittels technischer Hilfsmittel. Heute gilt knallen als ein Synonym für’s vögeln und der Knallkörper ist dann sinngemäss eine Frau. Allerdings ist ein Schild mit der Aufschrift „Knallkörper jetzt in Aktion“ generell keine Preisreduktion im Puff. Das kann da schon peinlich werden, wenn man im Migros mit heruntergelassenen Hosen so in der Reihe steht. Sprachtechnisch ist dieser Feiertag also schon mal ein Hindernislauf. Keinesfalls nehme man dieses Wort bei der Bundesfeier der „wehrhaften Landfrauen“ in den Mund.
Jedenfalls hatte dieser Tag früher mal einen Sinn, der im Laufe der Jahre aber irgendwie abhanden gekommen ist. Man wächst und wird grösser, die Kracher (technisches Hilfsmittel) blieben jedoch klein, also verschwand auch der Reiz irgendwie.

Diese psychologische Lücke vermochte ich irgendwie nicht aufzufüllen. In der Schule hat man all die schöngefärbten Geschichten der Altvorderen ja noch geglaubt, aber als man dann die Wahrheit erfuhr, brach dieses Konstrukt aus Legenden und Halbwahrheiten gnadenlos zusammen. Überhaupt, man bekommt es mit dem Staat zu tun und da blättert der heroische Putz eh ab. Nichts von unbeugsamen Männern, die sich selbstlos in blutige Schlachten stürzen. Nein, da sitzen rechthaberische, kleine Zwerge, die nichts besseres zu tun haben, als einem die Nerven abzutöten. Egal was man will, man kriegt es nicht.
Man fängt auch an Zeitungen zu lesen und merkt allmählich, das Bundesräte zwar kleine Buben und Mädchen zu begeistern vermögen, aber nicht ausgewachsene Skeptiker.So versuchte ich vieles, vom begeisterten Militärkopf zum pazifistischen Kommunisten, vom Spiritisten zum Logiker, vom Gläubigen zum Atheisten, vom fleissigen Arbeiter zum Leistungsverweigerer alles mal durch, nur um jedes Mal zur selben Erkenntnis zu gelangen: Alles Bockmist.

Freilich gibt es die durch die Realität gegebene Variable, dass es nun mal einen Staat Schweiz gibt und dass ich dem nicht aus dem Weg gehen kann. Ich bin an ihn gebunden, während er locker auf mich verzichten könnte. Trotzdem, irgendwo hinter dem Horizont lauert die AHV und da sollte man schon irgendwie dankbar sein, nicht an irgend einem Flussufer den Lebensabend verbringen zu müssen, so eine kümmerliche Einzimmerwohnung ist doch viel kuschliger. Zumindest im Winter. Also, irgendwie sollte man da ja schon dankbar sein und auch den Hirten, die zwar ein Geheimabkommen mit den Wölfen haben, aber uns fleissig mit Märchengeschichten in den Schlaf wiegen. Da könnte ich meine Dankbarkeit ja schon mit tragen eines 1.Augustabzeichens öffentlich zur Schau tragen. Feil geboten werden sie auch überall, der Preis ist zwar viel zu hoch, aber im Verhältnis doch moderat und der Aufwand wäre zu bewältigen.

Aber ich ertappe mich dabei, lediglich einen schielen Blick in Richtung des Kartons zu werfen, von dem mich Dutzende Schweizerkreuze anstieren. Der bedingte Reflex lässt in etwa folgende Assoziationen aufkommen: Steuern, Betreibungsamt, Sozialamt, IV, Parkbussen, Reglemente... etc. etc. Natürlich bereiten sich auch all die Emotionen im Unterbewusstsein darauf vor, aktiviert zu werden, also schnell wieder weggeschaut.
Da träume ich schon von einer Feier der Freiheit, wo man all jener gedenkt, die das System weggefegt haben. Aber dann gäbe es wider keine AHV mehr.

Na, vielleicht mach ich nächstes Jahr mit. Vielleicht gibt’s bis dahin auch „Miss-und-Mister-Knallkörper-Wahlen“.

Kommentare
Unsichtbarde
Unsichtbarde vor 1 Monaten
Ich hab ja nicht mal was dagegen, dass Regeln eingehalten werden, wozu hat man sie denn auch sonst. Aber so absurd viele. Ein Wunder, dass man nicht jeden Kassenzettel 20 Jahre aufbewahren muss.
Und es mangelt an Transparenz. Meist erfährt man die Regeln erst wenn schon alles zu spät ist. Zug abgefahren -sorry - kommen sie das nächste Mal früher. Nettes Grinsen, das war's. Der Apparat hat einfach zu lange unkontrolliert gewuchert und vor allem, sich zu viel Macht angeeignet. Eine Korrektur ist überfällig. Allerdings kann dies nicht nur den Bereich Soziales beschränkt bleiben.

Aber eben - so was soll man dann feiern... Krieg' ich irgendwie nicht auf die Reihe.
akademiker
akademiker vor 1 Monaten
Was die rechthaberischen Beamtenzwerge angeht, gebe ich Dir zu 100% recht. Man schaue sich nur mal die Univerwaltung an und wie man da behandelt wird. Scheiss-Staatsbetrieb...
Was hat das noch mit Wilhelm Tell, Arnold Winkelried, Helvetia und all den anderen Helden unserer Kinderzeit zu tun? Uns jungen Buben wurde immer erzählt, dieser Staat habe was mit Freiheit zu tun. Aber überall sitzen glatzköpfige, bebrillte , hässliche Männlein und Weiblein hinter einem irgendeinem spiessigen Schreibtisch, und kläffen uns an wegen Nichteinhaltung ihrer kleinlichen spiessigen Regeln. Hätte sich Winkelried auch dann noch in die Speere gestürzt, wenn er gewusst hätte, wie die Schweiz heute aussieht? Wohl kaum.
Aber zum Glück findet heutzutage auch ein Umdenken statt: das Misstrauen in den helvetischen Beamtenstaat wächst, libertäre und nationalliberale Ideale befinden sich im Aufwind - übrigens nicht nur bei einer politischen Partei, sondern überall.
Unsichtbarde
Unsichtbarde vor 1 Monaten
Na ja, vielleicht bin ich ja bis dann radioaktiv, dann hat das mit dem Blei was für sich. Wenn ich unmengen an monetären Massen zu vererben hätte, dann müsste auch so ein Bleiding her, damit die Verwandten beim Sargtragen auch was leisten müssten.

Aber ich habe ja mit so einem Einwand gerechnet und deshalb das Wort "Repatriotierung" mal schnell erfunden. Glaub jedenfalls, es erfunden zu haben. Sicher wird es bald zum Schlagwort einer Partei, die ich nicht näher benennen will.
Gwendolan
Gwendolan vor 1 Monaten
Du hast recht: Blei stimmt überhaupt nicht!
Die Vorschrift lautet: Mind. 3 cm. dickes Holz, in Desinfektionsmittel getränktes Leichentuch und 5 cm. Sägemehl.

http://www.admin.ch/ch/d/sr/818_61/a4.html

Unsichtbarde
Unsichtbarde vor 1 Monaten
Dass ich ein bisschen giftig bin weiss ich ja, aber gleich eine Bleikiste?
Eigentlich wollte ich beim Geburtsdatum ja "alter Sack" eingeben, aber das Feld frisst nur numerische Werte.
Gwendolan
Gwendolan vor 1 Monaten
Repatriiert wird man doch normalerweise in einer Bleikiste. Wirst du langsam alt?